20. Mai 2019 
 
9. Mai 2017

interzum 2017: Mit dem Schrank unterm Arm nach Hause

Bindemittel ohne Formaldehyd, Spanplatten aus Pflanzenresten und Leichtbaumöbel aus Holzschaum: Dipl.-Ing. Harald Schwab, Leiter für Qualitätsprüfung am Fraunhofer-Institut für Holzforschung WKI, berichtet im Interview über Innovationen für die Möbelindustrie.

Foto: Fraunhofer WKI / Marek KruszewskiFoto: Fraunhofer WKI / Marek Kruszewski
Formaldehyd-Analytik im Fraunhofer WKI
Das Fraunhofer-Institut für Holzforschung WKI ist auf der interzum im Boulevard, Gang B, Stand 077 zu finden. Welche Schwerpunkte setzen Sie in diesem Jahr in Köln?

Wir setzen in diesem Jahr auf der interzum drei Schwerpunkte. Zum einen zeigen wir neueste Entwicklungen aus unserer Klebstoffforschung. Ziel hierbei ist die Reduzierung von Formaldehyd in den Bindemitteln bis zur Formaldehydfreiheit. Darüber hinaus präsentieren wir Prüfmethoden für Formaldehydemissionen aus Holzwerkstoffen, die sich aus den aktuellen gesetzlichen Anforderungen weltweit ergeben, und den Wissenstransfer in Form unserer WKI-Akademie. Mit dieser Akademie bieten wir seit 2016 Mitarbeitenden in der Qualitätskontrolle der holzverarbeitenden Industrie ein berufsbegleitendes Weiterbildungsformat an. Themen dieser modular aufgebauten Zertifizierungsprogramme sind unter anderem Kleben im Holzbau und die Qualitätskontrolle in der Holzwerkstoffherstellung. Zusätzlich stellt der Internationale Verein für Technische Holzfragen e.V. an unserem Stand sein Leistungsangebot vor.

Nicht alle Länder sind so waldreich wie Deutschland, der Rohstoff Holz ist in einigen Regionen knapp. Sie forschen deshalb zu Spanplatten, die aus Rückständen von Agrarpflanzen zusammengesetzt sind. Sind diese Spanplatten überhaupt resistent genug für industrielle Fertigung und in welchen Bereichen könnten Sie eingesetzt werden?

Seit der Gründung des Instituts 1946 beschäftigen sich die Mitarbeitenden mit dem Einsatz von Rohstoffen aus natürlichen Quellen. Unter anderem bearbeiten wir zurzeit ein von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) gefördertes Projekt zum Zusatznutzen von Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen. Hierbei betrachten wir unterschiedliche Gesichtspunkte beim Einsatz von NaWaRo (nachwachsende Rohstoffe), beispielsweise den Brandschutz und das Glimmverhalten, Schallschutz, Wärme- und Feuchteschutz, Fragen der Nachhaltigkeit und Emissionen. Die Dauerhaftigkeit und das Dauerstandverhalten von Werkstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen ist dabei nur ein Punkt, der betrachtet werden muss, und in der Tat ist diese Frage noch nicht geklärt. Insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Reduktion von dem bis dato wichtigsten Bindemittelanteil Formaldehyd. Hier müssen in naher Zukunft umfangreiche Forschungsarbeiten geleistet zu werden, um die neuen Produkte verlässlich und dauerhaft einsetzen zu können. Auf dem Markt bereits erhältliche Spanplatten mit Zusätzen aus Mais oder Stroh zeigen, dass die Technologie für eine Massenfertigung zur Verfügung steht.

Holzbeschichtungen und konventionelle Klebstoffe in Möbeln können bekanntlich ausdünsten und die Raumluft belasten, unter anderem mit schädlichem Formaldehyd. An welchen Alternativen forschen Sie im Institut?

Tatsächlich sind die Formaldehyd-Emissionen aus Möbeln seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema in der Branche. Betrachtet man die Emissionen der Holzwerkstoffe der Gründergeneration und vergleicht sie mit denen von heute liegen dazwischen Welten. Wir können sagen, dass in Europa weit über 95 Prozent der hergestellten Platten, die in Möbeln eingesetzt werden, die Emissionsklasse E1 erfüllen und somit auch die von der WHO empfohlenen Richtwerte und die in Europa in unterschiedlichen Ländern gesetzlich geregelten Grenzwerte einhalten. Seit einiger Zeit kommt zu dem Thema HCHO (Formaldehyd) auch die VOC-Thematik (Flüchtige organische Verbindungen) hinzu, die sowohl die Hersteller der Möbel aber auch der Holzwerkstoffe sehr stark beschäftigen. Hier sind in naher Zukunft auch europaweite Regelungen zu erwarten. Das Fraunhofer WKI beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Alternativen zum Formaldehyd, wie dem Einsatz von Melaminen und Gyloxalsäure als Klebstoff für Holzwerkstoffe. Weitere Erfolg versprechende Alternativen wären die Nutzung der autoadhäsiven Bindung, der Einsatz von Tanninen oder Stärke. Wir halten auch den Einsatz von Acrylaten, pVAC (Polyvinylacetat) und pflanzlichen Proteinen für denkbar. Dabei ist es wichtig, nicht nur das Potenzial als Holzklebstoff abzuschätzen, sondern auch die Verfügbarkeit, die Verarbeitbarkeit, die Perspektive einer industriellen Realisierung und die Wirtschaftlichkeit zu betrachten.

Ein Forschungsschwerpunkt am WKI sind Kleb- und Werkstoffe, zum Beispiel Spanplatten aus nachwachsenden alternativen Rohstoffen für die Holz- und Möbelindustrie. Wie müssen wir uns den Kleiderschrank der Zukunft vorstellen?

Wir entwickeln Technologien, Produkte und bieten Dienstleistungen für eine verantwortungsvolle Nutzung nachwachsender Rohstoffe und um die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern. Das bedeutet aber nicht, dass es unser Ziel ist, Holz in Möbeln zu ersetzen. Und so stellen wir uns Kleiderschränke in Zukunft auch weiterhin unter Einsatz dieses wunderschönen, bewährten Rohstoffs aus einheimischen Wäldern vor. Dass die Chancen dafür gut stehen, zeigt eine vom WKI 2015 veröffentliche Befragung, in der wir eine Reihe von Innovationsthesen zur Beurteilung gestellt haben. Danach stimmen mehr als 80 Prozent der Befragten voll oder teilweise der These zu, dass die Biomaterialforschung die Möglichkeit, Holz und Holzwerkstoffe noch funktionsgerechter beim Möbelbau einzusetzen, deutlich verbessern wird. Interessanterweise gehen 45 Prozent der Befragten voll und 37 Prozent der Befragten teilweise davon aus, dass im Jahr 2025 rund ein Viertel aller Möbelteile aus leichten Werkstoffen gefertigt werden. Das sehen wir ähnlich, so dass der Kleiderschrank, den die junge Mutter unterm Arm nach Hause tragen kann, keine Zukunftsmusik mehr ist. Aus diesem Grund beschäftigen auch wir uns verstärkt mit der Entwicklung leichter Holzwerkstoffe. Hierzu zählen beispielsweise Wabenstrukturen, Füllstoffe als leichte Zusätze und natürlich der am WKI entwickelte Holzschaum, der 2015 den interzum Award gewann.

Die interzum gilt als weltweit größtes Branchenevent für Innenausbau und Möbelfertigung. Auf welche Innovationen sind Sie in Köln besonders gespannt?

Den Trend zu immer leichteren Werkstoffen habe ich bereits angesprochen. Dementsprechend gespannt bin ich, wie die Zulieferindustrie die Herausforderungen in der Möbelindustrie annimmt. Dazu zählen auch die Lösungen, die die Beschlaghersteller für leichte und Wabenplatten anbieten können. In meinem Fokus stehen auch neue Oberflächentechniken, wobei interessant sein wird zu sehen, ob 3D-Druck hier eine Rolle spielen wird, und die Lösungen der Lackindustrie bezüglich Emissionen. Neben den Neuerungen, die die Industrie zu bieten hat, stehen für mich aber die Pflege alter und das Knüpfen neuer Kontakte im Mittelpunkt.

http://www.interzum.de

 


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