10. Dezember 2019 
 
18. November 2019

MEDICA 2019: Unabhängig mit Rolli und Kind unterwegs

Nachwuchswissenschaftler an der TU Kaiserslautern haben ein System entwickelt, mit dem ein Kindersitz an einem Rollstuhl befestigt werden kann. Dipl.-Ing. Michael Weber hat die Entwicklung betreut und erzählt im Gespräch mit DIE MESSE, wie das Fahrzeug funktioniert.

Foto: TU Kaiserslautern / KozielFoto: TU Kaiserslautern / Koziel
Michael Weber (li.) und Johannes Imhoff werden die Technik auf der Medica vorstellen.
Herr Weber, die TU Kaiserslautern ist auf der Medica in Halle 7a, Stand B06. Was zeigen Sie dort?
Die TU Kaiserslautern ist in diesem Jahr mit insgesamt drei Exponaten am Gemeinschaftsstand Rheinland-Pfalz vertreten.
Zwei Exponate zeigen aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema Bildverarbeitung aus dem Fachbereich Informatik. Wir vom Lehrstuhl für Konstruktion im Maschinenbau und der Fahrzeugtechnik freuen uns, dieses Jahr eine in dieser Form noch nicht bekannte Lösung zur Kindersitzbefestigung an einem Rollstuhl vorzustellen. Es handelt sich dabei um ein Schienensystem, welches über einen Adapter flexibel an elektrischen Rollstühlen befestigt werden kann. Am Schienensystem selbst wird ein handelsüblicher Fahrradkindersitz montiert.

Besonders stolz sind wir, dass die Entwicklung des gezeigten Prototyps im Rahmen von mehreren studentischen Projekten erfolgte. Gestartet sind wir mit einem Konstruktionswettbewerb, bei dem sich studentische Teams mit der Ideenfindung und der Entwicklung von ersten konzeptionellen 3-D-Modellen befasst haben. Anschließend wurde die aus unserer Sicht am besten geeignete Lösungsvariante ausgewählt und von unserem Studenten Johannes Imhoff – während der Anfertigung seiner Projekt- und Bachelorarbeit – zum Prototypen weiterentwickelt.

Wie funktioniert dieser Kindersitz am Rollstuhl genau?
Kernelement unserer Lösung ist das innovative Schienensystem. Dieses ist mittels einer, aus dünnwandigen Rohren bestehenden, Tragstruktur am Rollstuhl befestigt und schwingt sich gebogen um den Rollstuhl. Über eine bewegliche Laufeinheit erfolgt die Anbindung des Kindersitzes am Schienensystem. Über einen Drehhebel kann der Sitz in jede beliebige Position gebracht werden. Ein Kind kann auf diese Weise mit wenigen Handgriffen direkt von der Fahrerin oder dem Fahrer in den Sitz gesetzt werden, wenn sich der Sitz rechts von ihr oder ihm befindet. Im Anschluss kann der Sitz mithilfe eines Drehhebels hinter den Rollstuhl positioniert werden. Der Rollstuhl wird dadurch nicht wesentlich breiter und ist weiterhin uneingeschränkt nutzbar.

Für welche Zielgruppe ist dieses Schienensystem für Kindersitze geeignet? Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht so einfach ist, ein Kind in den Sitz zu heben.
Die Zielgruppe sind ganz klar Menschen mit einer Gehbehinderung, welche auf die Nutzung eines Rollstuhls angewiesen sind. Auf Grund der zusätzlichen Masse des Kindersitzes und auch des Kindes ist das Schienensystem aktuell noch auf die Anwendung an elektrischen Rollstühlen beschränkt. Bei der Entwicklung haben wir darauf geachtet, dass das Schienensystem möglichst nah am eigentlichen Rollstuhl verläuft und somit das Kind relativ einfach in den Sitz zu heben ist. Weiterhin erleichtert die flexible Positionierung des Sitzes das Handling. Je nach individuellen Bedürfnissen kann die Position des Kindersitzes, an welcher das Kind in diesen gehoben wird, gewählt werden. Der Kurbelmechanismus, über den der Sitz in seine hintere Position gefahren wird, ist möglichst nahe an den schon vorhandenen Bedienelementen des Rollstuhls platziert, um auch hier eine möglichst einfache Betätigung zu erreichen.

Wie ist die Idee zu dieser Erfindung entstanden?
Auf die Idee zu diesem Produkt hatte den Fachbereich Maschinenbau und Verfahrenstechnik eine Rollstuhlfahrerin gebracht, die bei keinem Anbieter eine Möglichkeit gefunden hatte, ihr Kind sicher im Rollstuhl mit zu transportieren. Die Rollstuhlfahrerin tauscht über den Blog „Wheelymum“ ihre Erfahrungen aus. Während eines gemeinsamen Treffens an unserer Universität wurden Details besprochen und auf diesem Weg der Startschuss zur Entwicklung des Prototyps gegeben.

Die Medica gilt als globale Leitmesse der Medizintechnik-Branche. Was erhoffen Sie sich von dem Messeauftritt?
In erster Linie erhoffen wir uns das Interesse von Unternehmen zu wecken. Wir möchten gerne zeigen, dass unsere Idee funktioniert, und würden uns freuen, mit einem Partner aus der Industrie den Prototypen zu einem marktreifen Produkt weiterzuentwickeln. So könnten möglichst viele der betroffenen Menschen von der Idee profitieren. Generell sind wir natürlich auch an weiteren Kontakten im Hinblick auf unser Forschungsprofil interessiert.

Sie arbeiten am Lehrstuhl für Konstruktion in Maschinenbau und Fahrzeugtechnik der TU Kaiserslautern und beschäftigen sich dort normalerweise mit ganz anderen Entwicklungsaufgaben. Wollen Sie zukünftig den Bereich der Medizintechnik mit abdecken?
Das ist richtig, normalerweise liegt unser Fokus auf dem Technologiefeld der Nutz- und Förderfahrzeugtechnik sowie der additiven Fertigung (3-D-Druck). Persönlich beschäftige ich mich mit der Entwicklung von automatisierten Fahrzeugen für die innerbetriebliche Logistik. Da die Arbeitsmethoden in einem Entwicklungsprozess in vielen Fällen übergreifend anwendbar sind, freuen wir uns auch immer auf interessante Fragestellungen aus anderen Bereichen des Maschinenbaus, welche sicher, gerade im Bezug zu unserer Kompetenz in der additiven Fertigung, auch der Medizintechnik entstammen können.

https://www.medica.de


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