16. November 2018 
 
27. September 2018

Rehacare: Mobilitätslotsen als Helfer an der Haltestelle

Für gehbehinderte Menschen ist die Benutzung von Bussen und Straßenbahnen nicht immer einfach. Die Forscher Kathleen Schwarz und Maurice Rekrut erzählen im Gespräch mit DIE MESSE, wie sie digitale Technologien und Lotsen einsetzen, um mobilitätseingeschränkten Personen die Benutzung des ÖPNV zu erleichtern.

Foto: Saarbahn GmbHFoto: Saarbahn GmbH
Senioren probieren die mobisaar-App aus.
Frau Schwarz, Herr Rekrut, beim Rehacare-Kongress „Wir fürs Quartier“ leiten Sie einen Thementisch zum Thema „Digitale Unterstützungssysteme für Begleitdienste mobilitätseingeschränkter Menschen im ÖPNV“ und stellen das Projekt mobisaar vor. Worum handelt es sich dabei genau?
Kathleen Schwarz (KS): Teilhabe am gesellschaftlichen Leben setzt, wenn die Erreichbarkeit verschiedener Institutionen nicht gegeben ist, die Fähigkeit zur Mobilität voraus. Durch die zunehmende Komplexität und Geschwindigkeit des Straßenverkehrs können Ängste und Verunsicherungen entstehen. Gerade die Nutzung von Bus und Bahn ist für ältere oder mobilitätseingeschränkte Menschen oft eine Herausforderung. Immer mehr Fahrgäste benötigen individuelle Unterstützung, um ihre täglichen Wege zurückzulegen. Hier setzten wir mit mobisaar an. Durch den Einsatz von Mobilitätslotsen und neuen Technologien leistet mobisaar einen Beitrag, bestehende Barrieren im ÖPNV zu überwinden und mobil zu bleiben. Das Projekt „mobisaar – Mobilität für Alle“, das von neun Partnern umgesetzt und vielen weiteren Akteuren im Saarland unterstützt wird, ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Projekt.

Sie, Frau Schwarz, sind als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken tätig und forschen dort anwendungsorientiert zur Handhabung von Technologien der Mensch-Technik-Interaktion. Was sind die Herausforderungen aus soziologischer Sicht, wenn der Mensch auf eine technologische Innovation trifft, die ihm das Leben erleichtern soll?
KS: Die Herausforderung besteht vor allem darin, eine Technologie zu entwickeln, die den unterschiedlichen Anforderungen der Kunden entspricht und nicht an ihnen vorbeientwickelt wird. In mobisaar steht der Nutzer im Mittelpunkt des Entwicklungsprozesses. Wir entwickeln die Buchungswebsite sowie die Kunden- und Lotsen-App zusammen mit den Nutzern. Dafür finden in regelmäßigen Abständen Kunden- und Lotsen-Stammtische sowie Co-Entwickler-Workshops statt. Das Wichtigste dabei ist, den Nutzern Vertrauen und Sicherheit in den Service und das technische System zu vermitteln und ich denke, dass ist uns gut gelungen.

Herr Rekrut, Sie arbeiten am Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, wo Sie quasi die technische Seite der Schnittstelle Mensch-Maschine erforschen. Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie zu kämpfen, wenn Sie der Technik beibringen wollen, mit dem Menschen zu kommunizieren?
Maurice Rekrut (MR): Jeder Mensch hat individuelle Bedürfnisse an technologische Schnittstellen. Die Herausforderung besteht deshalb darin, die Technik bestmöglich an die Bedürfnisse der Zielgruppen anzupassen. Um dies zu gewährleisten arbeiten wir nutzerzentriert, wie Frau Schwarz schon erläuterte. Verschiedene Nutzergruppen werden dabei durch einzelne sogenannte „Co-Entwickler“ in monatlichen Workshops vertreten und schildern uns Probleme bei der Nutzung der Schnittstellen. Im Verlauf des Treffens werden für die auftretenden Probleme in der Gruppe Lösungsansätze ausgearbeitet und diese auch aktiv in erste Prototypen, oft einfach mit Stift und Papier oder in Zeichnungen an der Tafel, umgesetzt. Uns spart das Zeit bei der Entwicklung, da wir uns strikt an die Prototypen der Co-Entwickler halten und nicht erst mehrere eigene Vorschläge ausgearbeitet und mit der Zielgruppe besprochen werden müssen. Den Nutzern gibt es die Möglichkeit, eigene Ideen direkt in den Entwicklungsprozess einfließen zu lassen und diese im Alltag zu testen. Auf diese Weise versuchen wir, die Technik bestmöglich an die Bedürfnisse der Zielgruppe anzupassen.

Für mobisaar wird „intelligente Technik“ eingesetzt, heißt es auf der Projektwebseite. Was heißt das konkret?
MR: Die Technik arbeitet bei mobisaar hauptsächlich im Hintergrund. Ein intelligentes Backend-System koordiniert die Lotseneinsätze und bringt Fahrgast und Lotse zum vereinbarten Zeitpunkt zusammen. Welchem Lotsen welche Fahrt das System zuweist, wird dabei auf die Bedürfnisse des Fahrgastes, die Verfügbarkeit des Lotsen und die gewünschte Route im ÖPNV personalisiert zugeschnitten. Des Weiteren setzen wir auf Crowdsourcing-Elemente, um eine Datenbank mit Informationen zur Barrierefreiheit von Haltestellen aktuell zu halten und damit unsere Routingalgorithmen so barrierefrei wie möglich zu halten.

Wie gut kommt die Zielgruppe – zumeist ältere, in ihrer Beweglichkeit eingeschränkte Personen – mit dem Online-Serviceangebot zurecht? Ältere Menschen tun sich ja häufig schwer mit Internet, Computern und Smartphone.
MR: Wir wissen, dass wir nicht jeden Kunden mit Technologien wie Smartphone-Apps und Webseiten erreichen können. Es verfügen zwar nicht alle über ein Smartphone, aber immer mehr sind zu Hause online unterwegs. Ein Großteil der Zielgruppe sieht jedoch die Vorteile, diese Zugangswege zu nutzen. Es gibt keine Wartezeiten in der Kundenhotline, die anstehenden Fahrten können immer aufgerufen, geändert oder storniert werden. Dennoch war von Anfang an klar, dass wir den „klassischen“ Kommunikationsweg über das Telefon weiterhin anbieten müssen. Über die mobisaar-Kundenhotline kann man den Service auch telefonisch buchen. Dies ist auch aus sozialen Aspekten sinnvoll, denn oft sind diese Gespräche eines der Wenigen, die unsere Kunden am Tag führen. Darüber erreichen wir auch die Nutzer, die sich neuen Technologien, meist mit Verweis auf ihr fortgeschrittenes Alter, verweigern.

Lassen sich aus dem Projekt mobisaar auch Rückschlüsse ableiten für die Verbesserung von Serviceleistungen des ÖPNV, die nicht ausschließlich an mobilitätseingeschränkte Nutzer gerichtet sind?
KS: Vorwiegend sind unsere Kunden mobilitätseingeschränkt, der Service richtet sich jedoch an alle, die Unterstützung brauchen. So helfen die Lotsen auch Menschen mit Kinderwagen, Personen, die temporär eingeschränkt sind, durch eine Verletzung zum Beispiel, oder Menschen, die selten den ÖPNV nutzen, aber auch Touristen. Da der Service kostenlos ist, wird so die Attraktivität des öffentlichen Verkehrsangebots gesteigert.
Neben den gebuchten Fahrten bieten die Lotsen auch Spontanhilfen an, da wir feste Einsatzorte haben, wenn keine Buchungen vorliegen. Hier helfen die Lotsen den Fahrgästen am Fahrscheinautomaten, geben Auskünfte zum Fahrplan und Orientierungshilfe etc. Zudem werden in mobisaar Mobilitätstrainings zur sicheren Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel angeboten. Die Präsenz der Lotsen in den Bussen führt auch zur Sensibilisierung der Busfahrer im Umgang mit Älteren und Mobilitätseigeschränkten.

Die von Ihnen erwähnten mobisaar-Lotsen verkörpern ja gewissermaßen die menschliche Komponente des Projekts, wenn diese beispielsweise mobilitätseingeschränkten Fahrgästen in die Straßenbahn helfen. Welche Überlegung steckt hier dahinter?
KS: Die menschliche Komponente ist das wichtigste Element in mobisaar. Neben den Fahrten ist vor allem der Kontakt zum Lotsen für viele Fahrgäste wichtig. Im Einsatz sind haupt- und ehrenamtliche Lotsen. Das technikgestützte System erleichtert natürlich die Prozesse für alle beteiligten Akteure, aber nur durch den Einsatz der Lotsen, die die soziale Teilhabe ermöglichen, ist der Service durchführbar. Wie vorhin erwähnt, helfen die Lotsen auch beim Kauf von Fahrkarten – was oft für alle Altersgruppen ein Problem darstellt.
Das Kernelement von mobisaar ist jedoch die Begleitung von Tür zu Tür. Der Kunde wird auf Wunsch an der Haustür oder Haltestelle abgeholt und bis an den Wunschort begleitet – egal wohin – und auch wieder zurück nach Hause begleitet. Natürlich ist dies auch nur für bestimmte Streckenabschnitte oder punktuell möglich.Dabei werden alle öffentlichen Verkehrsmittel genutzt, auch Regionalzüge. Hier unterstützen die Ehrenamtlichen von der Bahnhofsmission.

Was sind die nächsten Schritte im Projekt?
KS: Die Projektpartner entwickeln aktuell alternative Mobilitätskonzepte für den ländlichen Raum. Denkbar sind innovative Konzepte, auch durch die Einbindung des PKWs unterstützt durch ehrenamtliches Engagement. In diesem Zusammenhang führen wir verschiedenen empirische Studien durch. Des Weiteren wird das mobisaar-System natürlich so entwickelt, dass es auf andere Städte bzw. Kommunen übertragbar ist. Es gab auch schon Anfragen von Verkehrsunternehmen. Die Frage nach den Kosten wird jedoch erst im Jahr 2020, also mit Projektende geklärt sein.

http://www.iso-institut.de/
https://www.dfki.de/web
https://www.rehacare.de/

Mit „mobisaar“ mobil sein und bleiben - Vorstellung am Rehacare-Kongress

Das Projekt „mobisaar“ hat es sich zum Ziel gesetzt, Menschen bis ins hohe Alter in ihrer selbstbestimmten Mobilität zu unterstützen. Es wird von den Saarbrücker Verkehrsbetrieben koordiniert und gemeinsam mit acht Partnern umgesetzt. Am Rehacare-Kongress „Wir fürs Quartier“ stellt Katharina Meßner-Schalk, Projektkoordinatorin mobisaar, am Thementisch 3 vor, wie das Projekt „mobisaar“ mit seinem technologiegestützten Begleitservice Menschen im Saarland die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs erleichtert.

http://www.mobisaar.de



 

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