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DIE MESSE: Neue Ausgabe zur Eurobike (30. August bis 2. September in Friedrichshafen) erschienen

Wenn das Paket mit dem Lastenrad kommt

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Interview mit Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands e.V. (ZIV)

30.08.2017

Gegen das Verkehrschaos in unseren Städten hat der Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands e.V., Siegfried Neuberger, ein einfaches Rezept: Die Feinverteilung von Paketen und Gütern in der Innenstadt sollten Lastenfahrräder übernehmen. Welche Schwerpunkte sein Verband noch auf der Eurobike setzt, erklärt Siegfried Neuberger im Gespräch mit DIE MESSE.

 - Die Eurobike zeigt Trends für alle Fahrradtypologien, der Renner bleibt aber weiterhin das E-Bike.
© Zweirad-Industrie-Verband e.V. (ZIV)
Die Eurobike zeigt Trends für alle Fahrradtypologien, der Renner bleibt aber weiterhin das E-Bike.

Herr Neuberger, im Jahr 2016 wurden erstmals seit Jahren bedeutend weniger Fahrräder und E-Bikes verkauft als im Vorjahr, aber der Verkaufswert ist erneut gestiegen. Die Deutschen greifen also für ihr Fahrrad immer tiefer in die Tasche. Wie erklären Sie sich diesen Trend?
Diese Marktschwankungen im Fahrrad- und E-Bike-Bereich beobachten wir schon seit vielen Jahren. Sie hängen sehr stark mit den Witterungsdingungen zusammen. Letztes Jahr war ein etwas schwieriges Jahr, da wir insbesondere im Frühjahr doch einige längere Perioden mit kühlem Wetter und Regen hatten. Das wirkt sich dann auch auf die Verkaufszahlen aus. Deshalb wurden in Deutschland im letzten Jahr nur 4,05 Millionen Fahrräder verkauft, ein Rückgang von 6,9 Prozent im Vergleich zu 2015. Auf der anderen Seite ist es so, dass durch den höheren Anteil der Elektrofahrräder, der E-Bikes, aber auch hochwertigere City- und Trekking-Fahrräder und Mountainbikes der Durchschnittspreis weiter gestiegen ist und damit auch der Umsatz der Branche.

Worauf kommt es den Kunden beim Kauf eines neuen Fahrrads besonders an?
Wir stellen fest, dass die Kunden in den letzten Jahren einen erheblich höheren Anspruch an ihr Produkt haben, sowohl was die Qualität, aber auch was die Beratung des Handels und der Servicedienstleistungen angeht. Und gerade durch das Thema E-Bike hat das immer mehr an Bedeutung gewonnen: Elektrofahrräder werden überwiegend im Fachhandel gekauft und die Kunden legen da sehr viel Wert auf Qualität, auf leistungsfähige Motoren, große Reichweiten, gute Ausstattung. Und das führt dazu, dass sie auch bereit sind, entsprechend Geld für diese Produkte auszugeben.

Der Zweirad-Industrie-Verband e.V. (ZIV) ist auf der Eurobike vertreten im Foyer Ost, Stand FO 100. Welche Schwerpunkte setzen Sie in diesem Jahr in Friedrichshafen?
Wir sind ja schon seit vielen Jahren Kooperationspartner der Eurobike in Friedrichshafen und unterstützen sowohl die Messe als auch unsere Mitglieder, was ihre Beteiligung auf der Messe angeht. Ein Schwerpunkt wird 2017 mit Sicherheit wieder im Bereich der E-Bikes liegen. Das ist ja momentan der große Trend und das Marktsegment mit den größten Wachstumszahlen. Auch im letzten Jahr wurden wieder 13 Prozent mehr E-Bikes verkauft als im Jahr davor, also über 600.000 Stück pro Jahr. In diesem Bereich ist momentan die dynamischste Entwicklung zu beobachten, was Antriebssysteme, Akkus, Batterien betrifft, aber auch bei der Ausstattung von Rädern. Auch die normalen City- und Trekking-Fahrräder, neue Werkstoffe im Rennrad-Bereich, neue Bremssysteme – Stichwort Scheibenbremsen an Rennrädern – sind alles Themen, die sicherlich in diesem Jahr im Fokus stehen werden.

In den vergangenen Jahren wuchs der Markt für E-Bikes und Pedelecs kräftig, wie Sie eben beschrieben haben. Mit 605.000 Stück haben die Verkaufszahlen 2016 einen neuen Rekord erreicht. Was erwarten Sie für dieses Jahr?
Wir gehen davon aus, dass dieses Wachstum sich in den nächsten Jahren kontinuierlich fortsetzen wird. Wir haben sogar mal die langfristige Prognose ausgegeben, dass in einigen Jahren das E-Bike rund 25, vielleicht sogar 30 Prozent des gesamten Fahrradmarkts ausmachen wird. Wenn man davon ausgeht, dass der Fahrradmarkt pro Jahr im Schnitt immer so um die vier Millionen verkaufter Stücke lag, dann kann man davon ausgehen, dass der E-Bike-Anteil irgendwann mal bei einer Million, vielleicht sogar 1,2 Millionen Stück liegen wird. Dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen.

 - Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands e.V. (ZIV)
© Zweirad-Industrie-Verband e.V. (ZIV)
Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands e.V. (ZIV)

Lasten- und Transportfahrräder gewinnen in Städten immer mehr an Bedeutung. Könnten sie die Lösung für den innerurbanen Lieferverkehr sein und auf Kurzstrecken Lieferwagen mit Verbrennungsmotoren ersetzen?
Ja, absolut. Das ist ein Thema, mit dem wir und unsere Mitgliedsunternehmen uns sehr intensiv beschäftigen. Wir sind absolut sicher, das gerade im innerstädtischen Bereich viele Transporte von Lastenrädern übernommen werden könnten. Gerade durch die elektromotorische Unterstützung hat das Lastenfahrrad noch mal einen unheimlichen Schub bekommen, weil ich durch den E-Motor auch größere Entfernungen zurücklegen und größere Lasten transportieren kann. Es ist aus unserer Sicht absolut realistisch, dass in der Zukunft die Feinverteilung von Paketen und Gütern in den Städten durch Lastenräder übernommen wird.
Man wird über kurz oder lang wahrscheinlich auch gar nicht mehr darum herumkommen, weil, wenn man sich Innenstädte in Deutschland anschaut, dann ist die Verkehrsbelastung gerade durch Lieferwagen, die Pakete bringen, wieder abholen und verteilen, extrem angestiegen. Es werden Radwege zugeparkt, es werden Fußwege zugeparkt, da würde das Cargo-Bike, also das Transportfahrrad natürlich super Möglichkeiten bieten, gerade diese Feinverteilung innerhalb der Innenstädte zu übernehmen und den Verkehr damit zu entlasten.

Die Eurobike gilt als Leistungsschau der Branche. In der Demo Area mit Teststrecke stellen Aussteller ihre neuesten Modelle für Probefahrten zur Verfügung. Auf welche Trends sind Sie persönlich in diesem Jahr besonders gespannt?
Die Eurobike ist die weltweite Leitmesse im Fahrradbereich, das heißt, es gibt weltweit keine vergleichbare Messe, die auf einer so großen Fläche mit so vielen Ausstellern sich dem Thema Fahrrad, E-Bike, Komponenten, Zubehör in all seinen Facetten zuwendet. Wir sind stolz darauf, dass wir diese Messe in Deutschland haben und dass wir Partner der Eurobike sind. Diese Test Areas werden immer sehr gut angenommen. Wir gehen davon aus, dass E-Mountainbikes, also Mountainbikes mit elektrischer Unterstützung, aber auch Cargo-Bikes immer sehr beliebt sind und dort ausgiebig getestet werden – bis hin zu normalen Mountainbikes, Hardtail oder Fullsuspension oder auch normalen City-Trekking-Rädern.

Smarte Technologien und Vernetzung halten in vielen Bereichen Einzug. Wann kommt das intelligente E-Bike, das Fahrrad 4.0, bei dem der Fahrer nichts mehr selbst machen muss?
Wenn Sie das Thema autonomes Fahren ansprechen, denke ich, wird das Fahrrad und auch das E-Bike immer ein Fahrzeug bleiben, was man selbst steuert und was man selbst fahren wird. Es ist technologisch natürlich alles möglich, aber gerade das Fahrrad und das E-Bike werden nach unserer Einschätzung auch in der Zukunft die Möglichkeiten bieten, dass man sich individuell fortbewegt und alle Funktionen selbst steuert. Die E-Bikes oder auch Pedelecs zeichnen sich ja dadurch aus, dass die Fahrerin oder der Fahrer vom Elektromotor nur unterstützt wird. Das heißt, man muss immer noch selbst in die Pedale treten. Andernfalls sind wir im Bereich der E-Scooter oder Elektromotorräder, die eine Zulassung benötigen.
Was die Vernetzung des E-Bikes oder auch des Fahrrads mit anderen Fahrzeugen angeht, mit dem Internet, mit der Möglichkeit zu navigieren, da sind wir inzwischen schon auf einem sehr guten Weg durch die Verknüpfung von Fahrrädern und E-Bikes mit Smartphones oder auch mit eigenen Systemen, die in der Lage sind, mit anderen Systemen zu kommunizieren beziehungsweise zu navigieren. Angetrieben wird diese Entwicklung insbesondere durch die Elektromobilität, weil wir bei den E-Bikes auch die Energieversorgung haben, die man für solche Systeme braucht, und dadurch keine externe Versorgung mehr notwendig ist.
Es wird immer mehr Assistenzfunktionen geben, zum Beispiel Warneinrichtungen, die mir als Radfahrer oder E-Bike-Fahrer anzeigen, dass sich von hinten ein Fahrzeug nähert, oder auch intelligente Bremssysteme mit ABS. Solche Dinge sind absolut denkbar, sogar in der nahen Zukunft, weil die Systeme existieren. Die Technik lässt viele Möglichkeiten offen, und alles das, was im Pkw-Bereich oder auch im Motorrad-Bereich an intelligenten Assistenzsystemen oder vernetzten Systemen entwickelt wird, kommt über kurz oder lang auch uns zugute.

Der Fahrradbestand in Deutschland liegt mit rund 73 Millionen Stück auf einem Rekordhoch, die Fahrradnutzung ist hingegen zurückgegangen. Laut Mobilitätspanel wurden 2015 nur 11,8 Prozent der Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt, während es 2014 noch 13,2 Prozent waren. Wie erklären Sie sich das und wie wollen Sie dazu beitragen, das zu ändern?
Wenn man draußen in den Städten oder auch im ländlichen Raum relativ viel mit dem Fahrrad unterwegs ist, hat man nicht das Gefühl, dass die Fahrradnutzung wirklich zurückgegangen ist. Man hat eher den Eindruck, dass die Fahrradnutzung steigt, vor allem in den Großstädten, aber auch in den ländlichen Räumen. Wie dieser Rückgang zu erklären ist, kann ich Ihnen im Moment auch nicht sagen. Unser Eindruck und der unserer Mitgliedsunternehmen ist, dass der Anteil eher steigt, vielleicht regional unterschiedlich. Es gibt viele Städte, die doch relativ aktiv sind, zum Beispiel Berlin, München oder auch Köln. Insgesamt ist die Infrastruktur der Schlüssel dazu, dass mehr Leute Fahrrad fahren. Man sieht doch in vielen Regionen, dass die Menschen sich nicht sicher fühlen auf den Radwegen bzw. auf der Straße, auf der sie fahren müssen, wenn es eben keine Infrastruktur gibt. Deshalb fordern wir als Zweirad-Industrie-Verband von der Politik sowohl auf Bundes-, Landes- wie auch auf kommunaler Ebene, alles dafür zu tun, um die Infrastruktur für Fahrradfahrer zu verbessern und sicherer zu machen.
Das ist für uns einer der Schlüssel dazu, dass Kinder und Jugendliche zum Beispiel den Weg zur Schule wieder verstärkt mit dem Fahrrad zurücklegen oder auch dass Radfahrer das Fahrrad tagtäglich nutzen, um damit zum Beispiel zur Arbeit zu fahren.

Also Ausbau der Radwege oder woran denken Sie noch?
Ausbau der Radwege, dann dieses große Thema Radschnellwege. Das ist aus unserer Sicht auch ein ganz wichtiger Punkt. Jetzt gerade wurde beschlossen, dass hier auch von Bundesseite mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden für den Ausbau dieser Radschnellwege. Zur Erläuterung: Unter Radschnellwegen versteht man Radwege, die über eine größere Distanz kreuzungsfrei sind, wo man auch größere Entfernungen mit dem Fahrrad in kürzeren Zeiten zurücklegen kann, gerade in den größeren Städten, um dann Gemeinden außerhalb dieser Städte mit den Städten zu verbinden. Das ist einmal der Bereich der Fahrradinfrastruktur im Sinne von Radwegen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist aus unserer Sicht das Thema Fahrradabstellanlagen. Wir haben ja schon in einigen Regionen sehr gute Fahrradparkhäuser an Bahnhöfen, aber in anderen Kommunen sind eben überhaupt keine Abstellmöglichkeiten vorhanden, und unsere Erfahrung zeigt, dass doch viele Bürger davon abgehalten werden, mit ihrem hochwertigen Fahrrad oder E-Bike zum Beispiel zum Bahnhof zu fahren, wenn sie dort nicht die Möglichkeit haben, dieses dann auch diebstahlsicher und geschützt vor den Witterungen abstellen zu können.

http://www.ziv-zweirad.de/
http://www.eurobike-show.de