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DIE MESSE: Neue Ausgabe zur IAA Pkw (14. bis 24. September in Frankfurt am Main) erschienen

IAA Pkw 2017: Mit dem Elektroauto durch Afrika

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Interview mit Sascha Koberstaedt und Martin Soltes, Projektleiter des Forschungsvorhabens aCar mobility an der TU München

11.09.2017

Ein Elektroauto für Afrika, das auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zugeschnitten ist: An diesem Ziel haben Wissenschaftler der TU München intensiv gearbeitet. Ihren Prototyp stellen sie auf der IAA Pkw vor. Im Gespräch beleuchten die Projektleiter die Details.

 - Lief absolut zuverlässig unter schwierigen Bedingungen: der aCar unterwegs in Afrika.
© TU München
Lief absolut zuverlässig unter schwierigen Bedingungen: der aCar unterwegs in Afrika.

Herr Koberstaedt, Herr Soltes, die TU München ist mit dem Forschungsvorhaben aCar mobility auf der Messe IAA Pkw in Halle 4.1, Stand A11 zu finden. Welche Schwerpunkte setzen Sie dort?
Die Vorstellung unseres neuen Prototypen auf der IAA bildet einen krönenden Abschluss des Forschungsprojektes „aCar mobility – Ländliche Mobilität in Entwicklungsländern“. Wir wollten zeigen, dass Elektromobilität nicht Hightech, super schick und teuer sein muss.

Wir hoffen, auf der IAA ein großes Publikum zu erreichen und zu begeistern, sodass wir für den nächsten Schritt des Projektes – der Industria­lisierung des aCar – Unterstützer finden. Unser Ziel war es von Anfang an, nicht nur eine tolle Idee zu haben, sondern diese auch umzusetzen, sodass man für viele Menschen in Afrika einen Mehrwert generiert und ihnen im täglichen Leben hilft.

Wie ist die Idee entstanden, ausgerechnet ein elektrobetriebenes Fahrzeug gerade für den ländlichen Raum in Sub-Sahara-Afrika zu entwickeln?
Die Grundintention war altruistisch, wir wollten den Menschen vor Ort helfen, indem wir ihnen ein für sie passendes Mobilitätskonzept anbieten. Der Zugang zu Transportmitteln ist in vielen Ländern nicht selbstverständlich. Die Menschen brauchen aber Mobilität, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie müssen zum Beispiel ihre Güter zum Markt transportieren, um sie dort zu verkaufen oder einen weiten Weg zur Arbeit zurücklegen. Des Weiteren sind wir davon überzeugt, dass der Kontinent Afrika einer der großen Wachstumsmärkte der Zukunft sein wird. Momentan leben in Afrika über eine Milliarde Menschen und die afrikanischen Länder haben ein enormes Wirtschaftswachstum. Trotzdem gibt es auf dem Kontinent keinen nennenswerten Markt für Automobilhersteller. Wir haben uns gefragt, weshalb dies so ist. Wir sind zum Schluss gekommen, dass momentane Fahrzeugkonzepte nicht optimal an die lokalen Gegebenheiten angepasst sind. Dort werden völlig andere Anforderungen an Mobilität gestellt als etwa in Europa. Für einen Elektroantrieb haben wir uns entschieden, da wir davon überzeugt sind, dass dies die technisch beste und ökologisch nachhaltigste Lösung ist. Mit dem hohen Drehmoment direkt beim Anfahren, verbunden mit einer kurzeitigen Peakleistung der E-Maschine haben sie die optimale Voraussetzung für eine gute Geländegängigkeit.

 - Sascha Koberstaedt, Fakultät für Maschinenwesen, Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik, TU München
© TU München
Sascha Koberstaedt, Fakultät für Maschinenwesen, Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik, TU München

Sie sind dieses Jahr für dieses Projekt mit dem 3. Platz des TUM IdeAward ausgezeichnet worden. Was ist denn das Besondere an diesem Fahrzeugkonzept und welche Anwendungsgebiete sehen Sie?
Die Besonderheit besteht darin, ein Elektrofahrzeug zu entwickeln, welches aus einer möglichst simplen Technik besteht. In Europa assoziiert man unserer Meinung nach Elektromobilität meist mit Hightech, welche super schick und teuer ist. Wir wollten genau das Gegenteil zeigen, was unserer Meinung nach gelungen ist. Das ursprüngliche Ziel war die Entwicklung eines Fahrzeuges für den afrikanischen Zielmarkt. Auf dem Weg dahin wurden wir jedoch oft gefragt, weshalb wir dieses Fahrzeug nicht auch in Europa verkaufen möchten. Wir haben diese Anregung aufgegriffen und haben unsere Zielgruppe erweitert. Beispielsweise ist unser Fahrzeug perfekt geeignet für die Bedürfnisse städtischer Betriebe, Bauhöfe, Parkanlagen, Kleinbetriebe oder Landwirte.

Sie haben jüngst den ersten Prototypen unter Realbedingungen in Ghana getestet. Welche Erfahrungen haben Sie dabei sammeln können?
Die Resonanz vor Ort war überwältigend und durchweg positiv. Der König der Region Ashanti wollte selbst eine Testfahrt mit unserem Prototyp 1 unternehmen – was eine absolute Sensation war, da der König sonst niemals selbst fährt, sondern immer nur gefahren wird. Wir waren selbst in der 2 502 Kilometer entfernten Hauptstadt Accra bestens bekannt. Kurz vor dem Rücktransport des Containers bildete sich am Hafen eine Menschentraube, da jeder unser Auto betrachten wollte. Unsere Erwartungen wurden daher definitiv erfüllt und sogar weit übertroffen. Das gilt auch für die technischen Tests. Wir konnten sehr viele Testkilometer unter lokalen Bedingungen fahren und unzählige Daten sammeln. Während der zwei Wochen der Erprobung hatten wir keinerlei technische Einschränkung und das Fahrzeug ist absolut zuverlässig gefahren. Dies ist für einen ersten Prototypen unter erschwerten Bedingungen alles andere als selbstverständlich. Eine große Erkenntnis war, dass die 80 Kilometer Reichweite definitiv ausreichend waren. Da die Straßenverhältnisse meist sehr schlecht sind, benötigen Sie eine lange Zeit, um wenige Kilometer zurückzulegen.

Hier auf der IAA Pkw in Frankfurt am Main stellen Sie erstmals den Prototyp 2 der Öffentlichkeit vor. Worin unterscheidet sich dieser von seinem Vorgänger?

 - Martin Soltes, Fakultät für Maschinenwesen, Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik, TU München
© TU München
Martin Soltes, Fakultät für Maschinenwesen, Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik, TU München

Das Fahrzeug zeichnet sich durch ein schnörkelloses, klares und modernes Design aus. Beim ersten Prototyp stand vor allem die funktionelle Erprobung im Vordergrund, weshalb das Design nur eine sekundäre Rolle gespielt hat. Das Fahrzeug wurde auch technisch erheblich weiterentwickelt. Wir haben zahlreiche Punkte verbessert, welche wir während unserer Erprobung in Deutschland und Ghana erkannt haben. Dies sind unter anderem Themen wie Gewichtsoptimierung, Elektrik und Software, Akustik und die Sitz- und Sichtergonomie.

Das Projekt hat verschiedene Phasen. Wie sind Sie vorgegangen, um beispielsweise die realen Mobilitätsbedürfnisse der zukünftigen potentiellen Nutzer herauszufinden?
Gestartet sind wir vor vier Jahren mit dem Ziel, eine Mobilitätslösung für die Region Sub-Sahara-Afrika zu entwickeln. Aus zahlreichen Ideen ist unser jetziges Konzept entstanden. Das Gespräch mit der lokalen Bevölkerung hat dabei eine wesentliche Rolle gespielt, da die Anforderungen an Fahrzeuge im Vergleich zu Europa völlig unterschiedlich sind.

Beispielsweise haben wir erfahren, dass die optimale Länge der Ladefläche zwei Reissäcke ist. Reissäcke sind die „Europaletten“ Afrikas, in der jegliche Art von Gütern transportiert werden. Neben den Nutzeranforderungen, welche wir aus persönlichen Gesprächen abgeleitet haben, konnten wir auch eine Vielzahl an technischen Daten generieren. So haben wir beispielsweise mit GPS-Trackern, die wir in den Fahrzeugen dort angebracht haben, die tatsächliche Mobilitätsanforderung quantifiziert. Resultat hieraus war, dass man Entfernungen nicht in Kilometern, sondern in Zeit messen muss. Aufgrund der meist sehr schlechten Straßenverhältnisse sind Sie zwar lange unterwegs, fahren aber nicht viele Kilometer. Die Reichweite unseres Fahrzeugs von 80 Kilometern ist daher völlig ausreichend, wovon wir uns auf unserer zweiwöchigen Erprobung in Ghana selbst überzeugen konnten.

Messebesucher probieren ja neue Technologien gerne selbst aus. Kann man mit dem Prototypen auch mal eine Runde drehen?
In den kommenden Monaten werden wir Pressevertretern ein Fahr­event ermöglichen. Zusätzlich möchten wir Personen, die das Projekt in unserer Crowdfunding-Kampagne unterstützen möchten, als Gegenleistung Probefahrten anbieten.

Was erwarten Sie sich vom Messeauftritt bei der IAA Pkw in Frankfurt am Main?
Wir erhoffen uns ein großes Medieninteresse, welches uns hilft, das geplante Vorgehen der Industrialisierung des Forschungsprojektes erfolgreich zu meistern. Damit das gesamte Projekt nicht nur eine Idee bleibt, sondern tatsächlich auch in Serie umgesetzt wird.

Herr Koberstaedt, Herr Soltes, vielen Dank für das Gespräch.

https://www.iaa.de/