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Neue DIE MESSE-Ausgabe zur ISH (14. bis 18. März in Frankfurt) erschienen

ISH: Der integrierten "Bad-App" gehört die Zukunft

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Interview mit Matthias Thiel, Referat Betriebswirtschaft, Datenmanagement und Demografischer Wandel im Zentralverband Sanitär Heizung Klima

13.03.2017

Mehr Wellness, mehr Komfort und mehr Sicherheit wünschen sich die Kunden im Bad - und genau hier setzt die Branche mit neuen, intelligent vernetzten Lösungen an. Welche Vorteile "smarte Bäder" bringen können, erläutert SHK-Experte Matthias Thiel im Interview.

 - Technische Finessen wie diese Lichtdusche machen elektrische Anschlüsse im "Smart Bath" unabdingbar.
© ZVSHK / Dornbracht
Technische Finessen wie diese Lichtdusche machen elektrische Anschlüsse im "Smart Bath" unabdingbar.

Mit der „Trendstudie Smarte Bäder“ hat Ihr Verband untersucht, wie das Bad der Zukunft aussehen könnte. Was wünschen sich die Kunden?

Die Kunden haben einen gesteigerten Bedarf nach Wellness, Komfort, Pflegemöglichkeiten und Sicherheit. Dies erfordert immer mehr Technik – Technik, die zum Großteil elektrisch betrieben wird. Der Trend nach Wohnlichkeit im Badezimmer ist eindeutig belegbar. Bäder sind nicht mehr klinisch, sondern schick und gemütlich. Gewünscht sind großflächige Fliesen und Bodenbeläge und stimmungsvolle Farb-/Lichtkonzepte. Im Trend liegen auch Glas und Holz für Wände und Böden. Gewünscht werden zudem komfortable Sitzmöglichkeit, gemeint ist Stuhl/Sessel, und nicht Duschsitz.

Es existiert ferner der eindeutige Trend zur Dusche. Diese sollte ebenerdig mit Linienentwässerung und Glas-Abtrennung sein. Auch Dampfduschen und Lichtduschen werden stärker nachgefragt, natürlich nur, wenn genug Platz und Duschkabine groß genug. Badewannen werden künftig eher nachrangig und zukünftig im Smarten Bad nur dann vertreten sein, wenn neben der (Standard-)Dusche genügend Raum für die zusätzliche Badewanne vorhanden ist.

Es ist auch der Trend zur Duschtoilette erkennbar. Heute ist sie noch zu teuer, wird sich in Zukunft aber durchsetzen. In der ferneren Zukunft sehe ich auch die Verbindung von Duschtoilette und Telemedizin. Die Individualisierung sowie die Adaption der Einzelelemente an die spezifischen Nutzerwünsche und Anforderungen wird das Bad der Zukunft ebenfalls aufweisen. Dies bezieht sich unter anderem auf höhenverstellbare Waschbecken und Toiletten oder Lichtszenarien beim Duschen.
Usability und „Friendly Usage“ sind zudem entscheidende Qualitätsmerkmale im Bad . Immer entscheidender wird die integrative Bedienung der unterschiedlichen Elemente im Bad und – greift man etwas weiter in die Zukunft – intelligente Elemente, die die unterschiedlichen Nutzer unterscheiden und ihre Vorlieben kennen. Individuelle Nutzungsszenarien müssen dabei einfach und komfortabel programmierbar sein, „Friendly Usage“ wird zum wichtigen Komfortmerkmal für Einzelelemente. Dabei spielen auch Schriftgrößen und Kontraste auf Armaturen eine Rolle.
 
Wie sieht ein konkretes Anwendungsszenario aus?

Der Trend zur Digitalisierung der Armaturen ist heute bereits deutlich. Aus Kundensicht besteht die Anforderung an Armaturen in Dusche, Badewanne und Waschbecken, die es zulassen, die individuellen Temperaturvorlieben „mit einem Griff“ einzustellen, oder gar nach Armaturen, die einzelne Nutzerprofile automatisch erkennen können. Szenario-Steuerungen müssen so einfach sein, dass Nutzer sie selbst programmieren kann. Diesbezüglich ist der Fingerprint zur Personenerkennung relevant.
 
Welche Vorteile ergeben sich durch die Einführung smarter Technologien?

Smarte Technologien unterstützen das lange selbstbestimmte Leben in den eigenen vier Wänden bis ins hohe Alter. Als wesentlicher „Trend-Treiber“ ist die Lebensqualität im Bad zu nennen. Weitere wichtige Faktoren sind die Gesundheitsversorgung, den Erhalt der Selbstständigkeit sowie die Sicherheit im Bad. Beim letzten Faktor geht es um den Einsatz intelligenter Technik zur Vermeidung von Stürzen im Badezimmer. Die automatische Detektion von Gefahrensituationen ist ebenfalls durch die Digitalisierung möglich. Hierfür sind Systeme gefragt, die es nicht erfordern, einen „Knopf“ zu drücken, sondern die Gefahrensituation selbstständig zu erkennen und an Familienangehörige oder einen Dienstleister zu melden. Hohe Luftfeuchtigkeit führt zu Schimmelbildung – smarte Lüftungssysteme sorgen eigenständig dafür, dass feuchte Luft abtransportiert wird oder Fenster zum Lüften automatisch geöffnet werden.
 
Sehen Sie auch Nachteile – insbesondere mit Blick auf Sicherheitsaspekte?

Strom und Wasser bergen immer Gefahren. Eine fachgerechte Elektroinstallation im Bad durch einen Innungshandwerker vermeidet jedoch Unfälle.

 - Dipl.-Wirtschaftsing. Matthias Thiel, Referat Betriebswirtschaft, Datenmanagement und Demografischer Wandel im Zentralverband Sanitär Heizung Klima
© ZVSHK
Dipl.-Wirtschaftsing. Matthias Thiel, Referat Betriebswirtschaft, Datenmanagement und Demografischer Wandel im Zentralverband Sanitär Heizung Klima

Welchen neuen Herausforderungen müssen sich die SHK-Fachhandwerker nun stellen – etwa mit Blick auf Know-how und Planung?

Eine zukunftsweisende Elek­troinstallation im Bad ist für das Bad der Zukunft erforderlich. Der Handwerker muss zahlreiche Elektroanschlüsse an genau definierten Stellen vorsehen. Systeme, die Toiletten und Waschtische in der Höhe verstellen können, benötigen ebenso Strom wie Badewannen, Duschen oder Whirlpools mit Licht, Ton oder Duft, wie Saunen, Zusatzaggregate in Heizkörpern, automatische Fensteröffnungen, Lüftungssysteme, intelligente Spiegel, digitale Seifenspender, Wasserhähne oder Händetrockner. Nicht zu vergessen die Beleuchtung und Steckdosen für Klein- und Großgeräte.
Es ist deshalb eine gewerkeübergreifende Qualifikation des SHK-Handwerks zum smarten, digitalen Bad erforderlich, um der Marktnachfrage besser gerecht zu werden. Obwohl viele SHK-Betriebe bereits aus einer Hand Bäder bauen, wird der ZVSHK aus dieser Studie angepasste Qualifikationskonzepte erarbeiten.
 
Damit sich im Smart Home respektive „Smart Bath“ alle Komponenten untereinander verstehen, ist Normung und Standardisierung unabdingbar. Wie weit ist hier die SHK-Branche, was ist noch zu klären?

Eine besondere Herausforderung für die Normung ist, dass die Gewerkedichte im Bad sehr groß ist. Dies spiegelt sich damit auch in der Normenlandschaft wider, die für das Bad zutrifft. Normen, Spezifikationen und Richtlinien aus der Wasserwirtschaft, der Klimatechnik, dem Heizungsbau, der Elektroinstallation, aus dem Baubereich und nicht zuletzt der Gebrauchstauglichkeit und Ergonomie müssen widerspruchsfrei zum Einsatz kommen. Dass das nicht immer ganz einfach ist, liegt in der Natur der Sache. Allerdings fördert die Normung und Standardisierung den Dialog zwischen verschiedenen Technikdisziplinen ebenso wie zwischen verschiedensten Interessengruppen auf nationaler und internationaler Ebene.
Im Rahmen des VDE und des DIN werden wir uns für die Standardisierung von smarten, digitalen Bädern einbringen. Es ist zudem wichtig, dass nicht jedes Gerät mit separater App gesteuert wird, die Zukunft gehört einer integrierten „Bad-App“, in der alle Funktionen, Geräte und Möbelsteuerungen integriert sind. Hierfür setzen wir uns im Sinne des Handwerks ein.

Wie wird Ihr Verband den ISH-Fachbesuchern das Thema smarte Bäder näherbringen?

Unter unserem ISH-Projektschirm „Bad 4.0“ sind wir dem Thema Smarte Bäder nachgegangen. Mit Hilfe neuartiger Materialien und digitaler Technologien haben wir neue Produktideen und Produktkatego­rien erschaffen, die das Thema der Pflege und Sicherheit im Badbereich thematisieren. Die technischen System- und Designideen sollten sich in der Produkt- und Lebenswirklichkeit wiederfinden. Die Bevölkerungsentwicklung beziehungsweise die Überalterung der Gesellschaft sowie der zukünftig zu erwartende Pflegenotstand macht es dringend notwendig, ab sofort das Thema Bad und Hygiene neu zu denken. Radikal und innovativ! Mit Design!
Auf Initiative des Zentralverbandes Sanitär Heizung Klima sowie den Industriepartnern Geberit, Oventrop und Hansa konnte eine Projektgruppe an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main eineinhalb Jahre nach Ideen für das smarte Bad der Zukunft forschen. Zwölf junge Designerinnen und Designer unter Leitung von Prof. Frank Zebner setzten die Puzzlesteine der Badkultur neu zusammen.
Das Spektrum reicht hierbei von Systemen zu mehr Sicherheit im Bad über Komfort und Kommunikation bis zu Hygiene. Mit Hilfe einer VR-Brille kann sich der Fachbesucher auf der ISH in Halle 3.1, Stand A 96, unser Bad 4.0 virtuell erschließen.

www.zvshk.de
www.ish.messefrankfurt.com

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