FRUIT LOGISTICA 2016

•••3••• Interview „Mittel- und langfristig Engpässe“ DIEMESSE im Gespräch mit Dr. Andreas Brügger, Deutscher Fruchthandelsverband e.V. Herr Dr. Brügger, der Deutsche Fruchthandelsverband hat eine Studie zum Wandel der weltwei- ten Warenströme bei Obst und Gemüse in Auftrag gegeben. Wel- che Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen? Aus den Reihen der Mitglieds- unternehmen kamen vielfältige Hinweise, dass es bei der Wa- renbeschaffung immer wieder Probleme gibt, die wir bis dato in dieser Form nicht kannten. Das waren allerdings jeweils Momentaufnahmen, denn je- des Unternehmen überblickt naturgemäß nur seinen eigenen Mikrokosmos. Daher haben wir Agrarökonomen der Uni Göttin- gen beauftragt, zu untersuchen, ob es tatsächlich globale Ände- rungen bei den Warenströmen für Obst gibt und wenn ja, wel- che Bestimmungsfaktoren we- sentlich sind. Die wichtigste Aussage war, dass es tatsächlich Verschiebungen gibt. Die Trends stecken größten- teils noch in den Anfängen, so- dass Ausmaß und Richtung heute am Markt noch nicht so ein- fach zu erkennen sind. Für den Handel besteht aber Anlass zu erhöhter Auf- merksamkeit. Insbesondere bei Produkten aus dem Premiumbereich könnte es langfristig in Euro- pa sogar zu Versorgungseng- pässen kommen. Woran liegt das? Wie sollte die Branche darauf reagieren? Aufgrund des Russland-Em- bargos hatten wir bei eini- gen Produkten zunächst so- gar eine zwischenzeitliche Überversorgung im Markt. In Deutschland waren zum Beispiel Äpfel und Kohl be- troffen, wobei es sich zu- meist um günstige Qualitäten handelte. Wirklich hochwertige Ware war nicht im Überfluss da und blieb selbst in einer solchen Marktsituation sehr preissta- bil. Dass die Auswirkungen des Russland-Embargos nicht so gra- vierend waren, wie von vielen befürchtet, zeigt an, wohin der Trend geht. Wir müssen uns in Deutschland wahrscheinlich mit- tel- und langfristig auf Engpässe einstellen. Ein ganz wichtiger Be- stimmungsfaktor ist das weltwei- te Bevölkerungswachstum, vor allem in sogenannten Schwellen- ländern, die sich durch wirtschaft- liches Wachstum auszeichnen. Die Menschen in Brasilien, China oder Indien werden wohlhabender und ändern ihre Essgewohnheiten. Neben energiereichen Grundnah- rungsmitteln möchte man auch leckere, gesunde und frische Kost auf dem Tisch haben – also Obst und Gemüse! In Deutschland hatten wir bislang einen Käufermarkt. Wir konnten fast nach Belieben eigene Stan- dards und alle möglichen Zertifizierungen verlangen, ohne dass die Produzen- ten in gleichem Maße hö- her entlohnt wurden. Das wird sich voraussichtlich ändern. Viele Exporteure wenden sich bereits heute schon vom europäischen Markt ab, weil sie auf dem eigenen Kontinent bessere Vermarktungsmöglichkei- ten vorfinden. Die Klimaveränderung hat Auswirkung auf die globale Produktion und Beschaffung – welche neuen Herausfor- derungen sind vor diesem Hintergrund künftig zu meis- tern? Risikoprävention und Risikomini- mierung werden für die Beschaf- fung nach meiner Einschätzung die entscheidenden Herausfor- derungen der Zukunft sein. Die Extreme des Klimaphänomens „El Nino“ sind ein gutes Beispiel. Egal ob sintflutartige Regenfälle oder extreme Trockenheit, das Ergebnis ist fast gleich: Ernteaus- fälle oder zumindest hohe Kosten zur Vermeidung eines Totalverlus- tes sind programmiert. In der Be- schaffung sucht man heute zum Teil eine engere Bindung an die Produktion in Übersee, weil man damit den Import qualitativ und quantitativ absichern möchte. Diesem Vorteil steht gegenüber, dass man den Produktionsrisiken viel stärker ausgeliefert ist. Das Management weiterer Im- portrisiken kommt hinzu: die Schwankungen der Erdölpreise, der Wechselkurse, der Frachtra- ten, der Arbeitskosten oder auch einfach nur Gesetzesänderungen, die einem das Leben von einem Tag auf den anderen schwer ma- chen können. Der Deutsche Fruchthandelsver- band ist auf der FRUIT LOGISTICA in Halle 20 am Stand B-06 zu fin- den. Worauf fokussieren Sie Ihren Auftritt in diesem Jahr? Wie in den Vorjahren sind wir auch 2016 wieder Mitaussteller bei unserem Brüsseler Dachver- band Freshfel. Dadurch können wir unseren Fokus auf den Be- such und die Betreuung unserer Mitglieder und Partner legen. Die Messe ist für uns der ideale Inputgeber und die wichtigste Plattform für das internationale Networking. Welche weiteren Hilfestellungen gibt Ihr Verband den Unterneh- men mit Blick auf den Marktwan- del? Ich sage immer: „Was dem Bau- ern sein Land, sind dem Händler seine Leute.“ Nur mit gut ausge- bildeten und engagierten Mitar- beitern haben unsere Mitglieds- unternehmen eine Chance, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Vor diesem Hinter- grund hat der DFHV vor einigen Jahren das Frische Seminar ent- wickelt. In Kooperation mit un- serer ansässigen IHK bieten wir ein Weiterbildungsangebot, das ganz speziell auf den Fruchthan- del ausgerichtet ist. In 2015 ha- ben 550 Personen an unseren Se- minaren teilgenommen, im Alter zwischen 17 und 57 Jahren, vom Azubi bis hin zum Vorstandsmit- glied. Herr Dr. Brügger, vielen Dank für das Gespräch. Der Fruchthandel in Europa steht vor tief greifenden Ver- änderungen, insbesondere im Premiumbereich. „Wir müssen uns in Deutschland wahrschein- lich mittel- und langfristig auf Engpässe einstellen“, sagt Dr. Andreas Brügger im Exklusiv- Interview mit DIEMESSE . Als Grund führt der Geschäftsfüh- rer des Deutschen Fruchthan- delsverbands das Wachstum in den sogenannten Schwellenlän- dern an – in Ländern wie Brasi- lien, China oder Indien wächst die Kaufkraft und damit auch die Nachfrage nach leckerer, gesunder und frischer Kost. „Viele Exporteure wenden sich bereits heute schon vom euro- päischen Markt ab, weil sie auf dem eigenen Kontinent besse- re Vermarktungsmöglichkeiten vorfinden“, skizziert Dr. Brüg- ger die Situation. Dr. Andreas Brügger, Geschäftsführer Deutscher Fruchthandelsverband e. V. Foto: Deutscher Fruchthandelsverband e.V. Tatsächlich Verschiebungen „Frische Seminar“ Veränderte Essgewohnheiten: Die Nachfrage nach leckerer, gesunder und frischer Kost – also Obst und Gemüse – steigt. Foto: wolfgang teuber / pixelio.de

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