13. Dezember 2018 
 
17. März 2015

Techtextil 2015: Das Autointerieur der Zukunft

Der Fahrzeugmarkt ist laut Commerzbank der bedeutendste Abnehmerbereich für Technische Textilien. Auf der Leitmesse für technische Textilien und Vliesstoffe (4. bis 7. Mai 2015 in Frankfurt am Main) zeigen allein 600 Aussteller für den Anwendungsbereich Mobiltech Produkte zum Einsatz im Karosseriebau, im Pkw-Innenraum bis hin zu Ausrüstungen für Sicherheitsfahrzeuge.

Foto: Ford Werke GmbHFoto: Ford Werke GmbH
Deutsche Hersteller haben einen Weltmarktanteil von 23 Prozent. Gemessen am durchschnittlichen Absatzpreis je Tonne gehört Mobiltech neben Sporttech und Protech zu den Anwendungsbereichen mit der höchsten Wertschöpfung. Die Werkstoffgruppe der Technischen Textilien sorgt im Pkw schließlich mit dafür, dass die Fahrzeuge immer leichter werden. Kommen heute etwa 25 Kilogramm je Neuwagen zum Einsatz, soll der faserbasierte Werkstoffanteil bald auf 30 bis 35 Kilo steigen.

Wer auf der Materialseite nur auf die Visionen und Lösungen der Textilbranche in Form funktionalisierter Fasern bzw. textiler Leichtbauverbünde schaut, wird über die Vielfältigkeit des Inputs für Gestalter, Produzenten und Nutzer des Autointerieurs womöglich überrascht sein. Die faserbasierte Materialfülle allein für den Pkw-Innenraum mit immer neuen Zusammensetzungen, Beschichtungen und Eigenschaften ist groß. Laut Commerzbank könnten in einigen Jahren vollkommen neue textile Produkte wie textile Displays, Textilien mit Farbwechsel und Selbstreinigungsfunktion, energiespeichernde Flächen, selbstheilende Strukturen oder reaktive Schutztextilien entstehen. Zwei interessante Innovationen kommen in diesem Zusammenhang aus Mönchengladbach und Aachen.

Mönchengladbach gilt als textiler Traditionsstandort - als Inputgeber für den Automotive-Bereich bislang eher kaum. Dies zu ändern, ist Ziel etlicher Entwicklungsprojekte von ExpertInnen des Fachbereichs Textil- und Bekleidungstechnik (FTB) der Hochschule Niederrhein. Das FTB entwickelte eine neue Funktionsausrüstung, mit der sich intensiv strapazierte textile Flächen im PKW-Innenraum dauerhaft gegen sogenannten Nassschmutz wappnen lassen.

Basis des Reinigungserfolgs, der mehr helle Stoffe und damit ein angenehmeres Raumgefühl zwischen Kühlerhaube und Kofferraum ermöglichen soll, sei eine nassschmutzabweisende Ausrüstung etwa von Sitzbezügen. So könnte der Flüssigschmutz gar nicht erst in das Gewebe eindringen und lässt sich mit einem saugfähigen Tuch problemlos entfernen. Aber ist der Schutz auch von Dauer? Die FTB-Projektverantwortliche Dr. Kristina Klinkhammer verweist auf die nachgewiesene hohe Beständigkeit der gesundheitlich unbedenklichen Ausrüstung auf Sitzpolstern: Dank Silankomponenten in der Gewebeausrüstung sei der proppere Clean-Effekt im Dauertest selbst nach 20.000facher mechanischer Malträtierung mittels einer Art Scheuerautomat erhalten geblieben. Vorteilhaft auch: Durch den Einsatz der Silane lasse sich die nötige Menge an Fluorcarbonen zur Schmutzabweisung im Vergleich zu herkömmlichen Lösungen erheblich reduzieren.

Deutlich trockener, aber nicht minder hartnäckig kommt die Schmutzgefahr für textile Dachhimmel oder Verkleidungen der diversen Fahrzeugsäulen einher: Ihnen droht vor allem Vergrauung durch Straßenstaub. Hier entwickelten die FTB-Experten einen Schutzmechanismus auf Basis von Kieselsäure, Aluminiumoxid oder selbst synthetisierter Silika-Partikel im Nano- und unteren Mikrometerbereich. Auch ein passendes Bindesystem fanden die Mönchengladbacher. Von solcherart präparierten Oberflächen lasse sich typischer Trockenschmutz mit einem klassischen Staubsauger stressarm, ohne chemische Keule und nahezu restlos entfernen, so Chemikerin Klinkhammer. In beiden Fällen prüfen die beteiligten Industriepartner nun, wie sich die Forschungsergebnisse produktionspraktisch in die Autos transferieren lassen.

Optische Wirkung und praktischen Nutzen sollte auch ein anderes, für die Automobilindustrie interessantes Hochschul-Vorhaben kombinieren. Sein Ziel: die Entwicklung neuartiger textiler Heiz- und Beleuchtungselemente. Der Weg: Gemeinsam mit Industriepartnern beschichteten die HochschulforscherInnen vom Niederrhein textile Flächenelektroden mit speziellen Kunststoffpasten, die über eigene elektrische Leitfähigkeit verfügen. So können beispielsweise der Fahrzeughimmel oder Autositze in sanftem Licht erstrahlen. Auf diese Weise ließen sich Sitz-, Fuß- oder Seitenverkleidungsflächen ohne vorherige Einarbeitung leitfähiger Garne beheizen - und das mit minimalem Energieaufwand. Projektleiterin Evelyn Lempa betont, der Technologiesprung für die Branche sei beachtlich, denn der Konstruktion und Gestaltung textiler Trägermaterialen seinen nun „keine Grenzen mehr gesetzt“.

 

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