21. Juni 2018 
 
11. Juni 2018

ACHEMA: Mehr Transparenz in der Chemielogistik

Wie sich die vergleichsweise komplexe Chemielogistik noch weiter optimieren lässt, ist eines der Themen auf dem Achema-Praxisforum „Chemical and pharma logistics“. DIE MESSE sprach darüber mit Uwe Veres-Homm, Logistikexperte der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS.

Foto: Oliver Moosdorf / pixelio.deFoto: Oliver Moosdorf / pixelio.de
Explosives Gemisch: Moderne Chemielogistik ist ein ausgesprochen anspruchsvolles Geschäft.
Die Chemielogistik – eines der Fokusthemen auf der Achema 2018 – weist gegenüber anderen Logistikbereichen einige Besonderheiten auf. Oftmals handelt es sich bei den Transportgütern um Gefahrstoffe. Welche Herausforderungen bringt dies mit sich?
Die Chemielogistik stellt einen vergleichsweise komplexen Bereich des europäischen Logistikmarktes dar. Die Anforderungen der Verlader an Geschwindigkeit, Liefertreue und Qualität ihrer Logistikprozesse sind in der Prozess­industrie besonders breit gefächert. Neben unterschiedlichsten Handlingsanforderungen (verschiedene Gefahrgut/-stoffklassen mit spezifischem Equipment) und Verkehrsträgern (kaum eine Branche nutzt alle Verkehrsträger so intensiv) ist insbesondere die sehr internationale Branchenverflechtung der chemischen Industrie eine Herausforderung für die Logistikdienstleister. Auf der Abnehmerseite bringt jede Branche und jedes Land eigene Regularien mit sich, was eine entsprechend diverse Kompetenzlandschaft bei den Dienstleistern bedingt. Hinzu kommt die Tatsache, dass einzelne Stör- oder gar Unfälle in der Chemielogistik ein relativ breites mediales Echo nach sich ziehen, was natürlich zu einem sehr hohen Qualitätsanspruch aller Beteiligten führt.

Gleichzeitig zählt die Chemielogistik zu den intransparenten Märkten. Warum ist das so?
Sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite sind im Bereich der Chemielogistik stark konzentriert. Im Gegensatz zu Standard-Ladungsverkehren trifft hier ein vergleichsweise enges Feld von einigen Dutzend größeren Verladern auf rund 20 stark spezialisierte Logistikdienstleister, die sich häufig als Mittelständler in dieses spezifische Marktsegment begeben haben. Die Beziehungen zwischen Verlader und Dienstleister sind aufgrund der speziellen Anforderungen meist sehr eng und vergleichsweise langfristig. Diese oligopolistische Marktstruktur führt jedoch auch zu einem geringen Austausch bezüglich der Frachtraten oder sonstigen Konditionen für konkrete Logistikdienstleistungen.

Mit einem Frachtkostenbarometer will das Fraunhofer SCS für mehr Transparenz in diesem Marktsegment sorgen. Welcher Ansatz steckt hinter diesem „Freight Rate Benchmarking“?
Unser „Freight Rate Benchmark“ basiert auf den tatsächlichen relationsspezifischen Raten, die von unseren Partnern, einem Zusammenschluss von rund zehn Unternehmen der Chemieindustrie, in den letzten Jahren realisiert wurden. Die Methodik erlaubt es, die Frachtkostenhöhe und -entwicklung der teilnehmenden Unternehmen auf europäischen Relationen anonymisiert zu vergleichen. Die Analyse umfasst neben den Frachtpreisen und der Transportmenge auch die Transportart, die Transportdistanz und die geographische Einordnung sowie Angaben unter anderem über Gefahrgutzulagen.

Welchen Nutzen kann die Chemieindustrie daraus ziehen?
Die Transparenz bezüglich der Marktentwicklung außerhalb des eigenen Unternehmens ermöglicht es, in Einkaufsverhandlungen bessere Positionen zu erreichen und interne Einkaufsprozesse zielgerichteter zu steuern. Die Spiegelung der eigenen Ergebnisse mit dem Marktdurchschnitt erlaubt zudem einen kontinuierlichen Anpassungsprozess sowie die Identifikation von Handlungsfeldern im Bereich des Frachteneinkaufs.

Welche Trends lassen sich aktuell in der Chemielogistik erkennen?
Neben den großen, aber in jedem logistischen Teilmarkt zum Tragen kommenden Themen des digitalisierten Datenaustausches über die gesamte Supply Chain und des zunehmenden Personalproblems im Bereich der Logistikwirtschaft spielen im Bereich der Chemielogistik vor allem zwei Trends eine Rolle: Die weitgehende Integration alternativer Verkehrsträger zur Straße sowie stetig zunehmende Sicherheits- und Qualitätsanforderungen im Logistikprozess. Ersterer führt zu neuen Betreibermodellen für die notwendige Pipeline-, Schienen- und Terminalinfrastruktur, letzterer macht eine Dokumentation, Schulung und Weiterentwicklung der gesamten Logistikkette inklusive Prozessen, Equipment, Know-how, Sicherheitsverständnis und Kommunikationsketten notwendig.

Auf dem Achema-Praxisforum „Chemical and pharma logistics“ sprechen Sie am 12. Juni zum Thema „Freight Rate Intelligence“. Welche weiteren Aspekte rücken Sie dabei in den Mittelpunkt?
Neben der deskriptiven Analyse der bisherigen Frachtratenentwicklung arbeiten wir zur Zeit an Anwendungsfällen, um auf Basis von Algorithmen und Prescriptive Analytics taktische und strategische Empfehlungen zum Beispiel für die Steuerung von Ausgangsmengen in Fällen von Kapazitätsknappheiten abzuleiten. Eine Kombination von Erfahrungsdaten mit aktuellen Prognosen lässt hier auf ganz neue Ansatzpunkte zur Optimierung hoffen. Bei der in die Zukunft gerichteten Nutzung ihrer eigenen Daten steht die Chemielogistik aber noch am Anfang.

https://www.scs.fraunhofer.de/
https://www.achema.de/

 


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