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Domotex: Smartes Material für Textilien von morgen

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Interview mit Veronika Aumann, Weißensee Kunsthochschule Berlin

12.01.2018

Wenn Designer quer denken, wird es interessant. Veronika Aumann lehrt an der Weißensee Kunsthochschule Berlin im Bereich Experimentelle Materialforschung und bringt dort weiches Textil mit harter Technik zusammen. Was man mit formveränderbaren Materialien und responsiven Oberflächen alles anstellen kann, erklärt sie im Gespräch mit DIE MESSE.

 - Die Weißensee Kunsthochschule Berlin experimentiert mit formveränderbaren Materialien.
© André Wunstorf
Die Weißensee Kunsthochschule Berlin experimentiert mit formveränderbaren Materialien.

Frau Aumann, Sie sind Textildesignerin und -forscherin an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und arbeiten an der Schnittstelle zwischen Technik und Textil. Auf der Domotex halten Sie am 13. Januar einen Impulsvortrag zum Thema „Experimental Material Research“. Worum geht es da genau?
Im Impulsvortrag auf der Domotex werden Konzepte, Prozesse und Ergebnisse aus der „Experimentellen Materialforschung“ des Textil- und Flächendesign gezeigt und anhand von konkreten Projekten und Studierendenarbeiten ein Einblick gegeben, welche Fragen wir uns stellen und wie vielseitig Designer praxisbasiert und forschend arbeiten.

Im Forschungsprojekt zu „Digitale Materialien“ beispielsweise wird sich damit auseinandergesetzt, wie digitale Prozesse in physischen Materialien wirksam werden können.

An der Kunsthochschule Berlin Weißensee sind Sie mit dem Forschungsschwerpunkt smart3 betraut. In verschiedenen Projekten entstehen innovative Produkte auf der Basis von smart materials, also Werkstoffe, die die Fähigkeit besitzen, aus sich selbst heraus auf Umweltbedingungen zu reagieren. Um was für Materialien handelt es sich dabei und welche Anwendungsgebiete gibt es?
Die aktiven Materialien, die im smart3-Forschungskonsortium unter Leitung des Fraunhofer IWU in Dresden untersucht werden, sind Materialien ganz unterschiedlicher Werkstoffklassen: Keramiken, Metalle und Polymere. Die Gemeinsamkeit der Piezokeramiken, der Formgedächtnislegierungen und der Dielektrischen Elastomere ist, dass alle drei Materialien steuerbar und reversibel ihre Form verändern können. Die thermischen Formgedächtnislegierungen beispielsweise sehen aus wie ein herkömmlicher Draht, ab einer bestimmten Temperatur verändern sie sich allerdings geräuschlos und sehr ästhetisch in eine beliebige, vorher eintrainierte Form. Ich arbeite seit vier Jahren mit Formgedächtnislegierungen und freue mich immer noch jedes einzige Mal, wenn sich das Material „einfach so“ bewegt. Anwendungen dafür gibt es bislang vor allem im technischen und im medizinischen Bereich – unsere Aufgabe als Designer ist es, „outside the box“ Möglichkeiten und Potentiale der Materialien zu entwickeln.

 - Veronika Aumann, Textildesignerin und -forscherin an der Weißensee Kunsthochschule Berlin
© Lukas Fischer
Veronika Aumann, Textildesignerin und -forscherin an der Weißensee Kunsthochschule Berlin

Als Designerin entwerfen sie klassische Stoffkollektionen sowie Muster für Bekleidung und Interior. Wie sind Sie zu smart materials gekommen?
Schon im Studium in Weißensee, bei einem interdisziplinären Semesterprojekt im „eLAB“. Mich fasziniert die Logik von technologischen Prozessen ebenso wie die Anmut und Vielseitigkeit von Textilien und Materialien. In meinem Forschungsbereich schließen sich weiches Textil und harte Technik nicht aus, im Gegenteil: Eben genau durch die Verschmelzung von erstmal vielleicht Widersprüchlichem wird versucht, tatsächlich innovative Konzepte und Ideen zu entwickeln.

Das traditionelle Handwerk ist wieder stark im Kommen, die Menschen suchen verstärkt nach unverwechselbaren Produkten oder gar Unikaten. Additive Fertigungstechniken wie der 3D-Druck eröffnen Designern neue Spielräume der Individualisierung. Wie werden Handwerkskunst und hochmoderne Produktionstechnologie in der Zukunft harmonisieren?
Ziemlich gut, denke ich, da sich traditionelles Handwerk und Digitalisierung ja nicht zwingend ausschließen, sondern vielmehr auch ein „digitales Handwerk“ entstehen kann. Die Möglichkeiten durch digitale oder autonome Fabrikation werden außerdem bestimmt weitreichender sein, als Produkte lediglich zu individua­lisieren. Hier können gerade wir Designer die Potentiale noch gut ausschöpfen.

Wenn ich Sie bitten würde, die Inneneinrichtung meiner Wohnung unter Einsatz innovativer smart materials neu zu gestalten, wie würde das Ergebnis aussehen?
Mhmm. Konkret könnten das beispielsweise Tapeten sein, deren Farbe oder Muster sich verändern lässt. Aber eigentlich finde ich interessanter, wie wir mit digitalen Möglichkeiten und aktiven Materialien umgehen, und welche tatsächlich sinnvollen Ideen und Konzepte sich entwickeln lassen, die über einen „digitalen Anstrich“ von Bekanntem und Gewohntem hinausgehen. Vielleicht ändert sich in den nächsten 50 Jahren ja nicht unsere Inneneinrichtung, sondern unsere ganze Wohnsituation.

Wie sehen Sie die Zukunft des Designs angesichts knapper werdender Ressourcen und der Forderung nachhaltiger Produktion?
Es müsste einfach viel, viel weniger und dafür sinnvoller produziert werden. Insofern können Materialien und Produkte entwickelt werden, deren Funktion und Ästhetik adaptierbar, veränderbar sind und somit länger und vielseitig nutzbar werden. Designlösungen können aber ebenso dazu dienen, tatsächlich unseren Umgang mit Produkten und die Sichtweise auf Produkte zu ändern.