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DIE MESSE: Neue Ausgabe zur RETTmobil (10. bis 12. Mai in Fulda) erschienen

RETTmobil 2017: "In dieser Weise waren wir noch nie gefordert"

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Interview mit Bundesarzt Prof. Dr. Peter Sefrin, Deutsches Rotes Kreuz

09.05.2017

Neue Bedrohungslagen stellen die Rettungskräfte vor enorme Herausforderungen: „Wenn es zu Terroranschlägen kommt, lassen sich die üblichen Rettungskonzepte der Individualmedizin nicht umsetzen“, sagt DRK-Bundesarzt Prof. Dr. Peter Sefrin. Die Helfer sehen sich vor Ort mit neuen Verletzungsmustern konfrontiert, gleichzeitig muss die Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften funktionieren. „In dieser Weise waren weder die Polizei noch wir in der Vergangenheit gefordert.“

 - Versorgung von Verletzten: Neue Gefährdungslagen erfordern neue Rettungskonzepte und eine genau abgestimmte Zusammenarbeit mit den Polizeikräften.
© Thibault Maitre / IFRK
Versorgung von Verletzten: Neue Gefährdungslagen erfordern neue Rettungskonzepte und eine genau abgestimmte Zusammenarbeit mit den Polizeikräften.

Herr Prof. Dr. Sefrin, angesichts der gestiegenen Bedrohungslage – durch Terroranschläge auch in Deutschland – fordern Sie neue medizinische Versorgungskonzepte. Was schlagen Sie vor?

Wenn es zu Terroranschlägen kommt, lassen sich die üblichen Rettungskonzepte der Individual­medizin nicht umsetzen. Das hängt einerseits mit den organisatorischen Rahmenbedingungen zusammen: Wir können am Ort des Geschehens nicht tätig werden, weil der Gefahrenbereich nur von der Polizei betreten werden darf. Andererseits sind neue Verletzungsmuster festzustellen, die es bislang so noch nicht gab. Deswegen ist das gesamte Vorgehen völlig anders, als das im Rettungsdienst üblicherweise der Fall ist.

Um welche neuen Verletzungsmuster handelt es sich?

Das sind Verletzungen, die im Rettungsdienst in diesem Ausmaß bislang nicht vorkamen – zum Beispiel Schuss- oder Explosionsverletzungen.

Welchen neuen Herausforderungen müssen sich Rettungskräfte vor diesem Hintergrund stellen?

Für die Versorgung dieser Patienten gibt es neue Maßnahmen – etwa andere Blutstillungsmöglichkeiten – und neue Gerätschaften: Für die Versorgung von Explosionsverletzungen stehen beispielsweise besondere Verbände zur Verfügung, auch zur Blutstillung gibt es spezielle Verbandmittel. Das ist alles neu – und entsprechend benötigen wir hier die notwenige Praxis und Expertise.

 - Bundesarzt Prof. Dr. Peter Sefrin, Deutsches Rotes Kreuz
© DRK
Bundesarzt Prof. Dr. Peter Sefrin, Deutsches Rotes Kreuz

Was bedeuten die neuen Einsätze für Rettungskräfte in psychologischer Hinsicht?

Emotionen können dabei nicht im Vordergrund stehen – vor allem mit Blick auf die zeitliche Dringlichkeit der Versorgung. Auch können die Rettungskräfte nicht unter den üblichen Voraussetzungen am Patienten tätig werden, weil er erst von der Polizei zugebracht werden muss. Eine psychologische Vorbereitung ist nur über die Darstellung möglicher Verletzungsfolgen zu leisten – also im Rahmen einer theoretischen Vorbereitung der Einsatzkräfte.

Wo sehen Sie angesichts der neuen Bedrohungslage dringenden Nachholbedarf? Welche Unterstützung erwarten Sie hier von der Politik?

Die Politik ist weniger gefragt. Vielmehr geht es um die Zusammenarbeit mit anderen Einsatzkräften, insbesondere der Polizei. In dieser Weise waren weder die Polizei noch wir in der Vergangenheit gefordert. Wir versuchen gerade, die Kommunikation zwischen Rettungskräften und Polizeikräften zu verbessern.

Funktioniert das?

Wir sind dabei, dies sowohl im Bereich des Rettungsdienstes wie auch der Polizeikräfte abzustimmen.

In einer Medizinisch-Rettungsdienstlichen Fortbildung diskutieren Sie am 11. Mai auf der RETTmobil das Thema „MANV (Massenanfall von Verletzten) – Gibt es den Königsweg?“. Ist diese Frage so einfach zu beantworten?

Wenn es so einfach wäre, hätten wir das Thema nicht auf das Programm gesetzt. Heute kommt es zu einer Vielzahl von möglichen Massenanfällen. Während wir früher immer nur von Massenanfällen auf der Autobahn ausgehen mussten, ist heute festzustellen, dass es nicht nur eine Vielzahl Verletzter gibt, sondern auch eine Vielzahl Erkrankter. Früher war dies eine Ausnahme, heute kommt es immer häufiger dazu. Konfrontiert sehen wir uns beispielsweise auch mit massenhaften Intoxikationen.

Also ganz neue Herausforderungen für Rettungskräfte...

Richtig, das ist auch die generelle Überschrift für das gesamte Programm auf der RETTmobil.

Sie haben als Wissenschaftlicher Leiter das modulare Fortbildungsprogramm der RETTmobil konzipiert. Welche weiteren Module sollten sich die Fachbesucher in Fulda nicht entgehen lassen?

Dies hängt natürlich ganz davon ab, was der einzelne Besucher erwartet und wo er seinen Schwerpunkt setzt. Es gibt kein Modul, das weniger wichtig wäre: Wer sich im Straßenverkehr mit Unfällen beschäftigt, für den ist beispielsweise das Modul „Alternative Antriebe“ von Bedeutung. Wer sich mehr mit den angesprochenen Bedrohungslagen auseinander setzen muss, für den sind diese Themen von Bedeutung. Für andere Besucher ist der Umgang mit Intoxikationen – bei Bränden, Alkohol- oder Drogenvergiftungen – von großem Interesse. Sie sehen, wir haben ein breites Programm für Fulda vorbereitet.

Herr Prof. Dr. Sefrin, vielen Dank für das Gespräch.

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